menschen
Riikka Tauriainen / Mareike Spalteholz
, Miloud Genova
Es ist ein halbsonniger, späterer Nachmittag im Industriequartier. Eine Bar nahe Tramdepot Escherwyss, und irgendwie sollte ich die zwei werten Damen Mareike und Riikka erkennen. Ich frag mich von Tisch zu Tisch durch, vielleicht Zufall, vielleicht nicht, aber gerade heute sitzen mindestens fünf mal paarweise Frauen hier, die aber alle nicht Mareike und Riikka heissen. Schlussendlich steht plötzlich eine Frau mit etwas kürzerem Haar vor mir und greift nach dem Telefon, dessen Nummer ich gerade gewählt habe, es ist Riikka. Kurze Zeit später sitzen wir, ergänzt durch Mareike mit längerem Haar, bei drei kühlen Blonden im Hinterhof der Bar, gespannt, wie erzwungen oder ungezwungen die folgende Stunde sein wird.
Ich: Ich kenn euch gar nicht, stellt euch doch mal vor, wie wenn wir an einem Blinddate wären.
Riikka: Ich bin in Finnland geboren und aufgewachsen, habe eine deutsche Mutter, einen finnischen Vater und bin seit sieben Jahren im Ausland. Habe in Estland studiert, an der Kunstakademie mit Fotografie abgeschlossen, aber schon da mit Videos und Performance angefangen. Dann hab ich in Berlin Bildhauerei studiert, das Diplom aber nicht gemacht und bin dann nach Zürich in den Master of fine Arts gewechselt. Und noch ein Austausch vor Berlin in Essen, welcher mir für Fotografie empfohlen wurde.
Mareike: Und da haben wir uns getroffen.
Riikka: Das erste mal gesehen.
Mareike: Vor sieben Jahren ungefähr nicht? Vor sechs Jahren?
Riikka: Ja, das müsste es wohl sein, ich war in meinem zweiten Studienjahr da.
Ich: Wie war der erste Moment, in dem ihr euch gesehen habt?
Mareike: Romantisch! (lacht)
Riikka: Ich bin mir nicht mehr sicher.
Mareike: Ich kann mich nur erinnern, dass du so schwarze Haare hattest, im Zug mit nem Schulkollegen von uns!
Riikka: Ja!
Mareike: Und der war extrem verknallt in dich! (lacht)
Riikka: Und ich dachte er ist schwul! (lacht auch)
Mareike: Ich dachte auch, er sei schwul, war er aber nicht!
(nostalgisches Gelächter)
Ich: Und er war zuerst in dich (Riikka) und dann in dich (Mareike) verliebt?
Mareike: Oder anders rum.
Riikka: Anders rum glaub ich, du kanntest ihn ja schon länger?
Mareike: Auf jeden fall war er total enttäuscht, weil nichts geklappt hatte und schwul war er ja auch nicht. Das war irgendwie lustig, weil es hat wirklich nichts funktioniert. Und dann hab ich dort in Essen, nach der Begegnung im Zug, eine Performance von Riikka gesehen, und ich dachte so “Wow, mutig!”. Ich hatte da noch nichts mit Performance zu tun, machte damals Foto und Malerei, ein bisschen Video und war da echt beeindruckt von Riikka. Du hattest da so ein hautfarbenes Strumpfhosen-Dingsbums an, das an der Wand hing, und du hast dich da so rausgeschält (lacht), und ich fand “Wow, mutig, krasss, Respekt!”, hätt ich mich nicht so getraut und dann haben wir Adressen getauscht, haben uns aber nicht gleich wieder gesehen, fand die Riikka einfach noch cool.
Dann sind Jahre vergangen, 2006 habe ich abgeschlossen in Essen, zwischendurch war ich in Zürich in der Fotoklasse für ein Jahr, 2004-2005, dann eben in Essen Kommunikationsdesign mit Foto, Video und Malerei und dann bin ich wieder nach Zürich zurück, weil mir das gut gefallen hat hier. Und dann steh ich hier in der Schule, und plötzlich läuft die Riikka mir über den Weg und ich: “Hey!”. Und sie latscht ganz cool an mir vorbei und ich: “Ey wir kennnen uns!”, und sie: “Aaach jaa…”, dann ich: “Jaaa!”. Und dann haben wir nach und nach ganz viele Parallelen entdeckt in unseren Leben. Die gleichen Jobs am gleichen Ort, aber immer ein wenig zeitverzögert. Wir haben uns immer verpasst, aber dann immer an gewissen Punkten wieder getroffen und dann sagst du zu dir: “Aach, jetzt ist die auch wieder hier!”.
(beide lachen)
Riikka: Manchmal fanden wir es ein bisschen speziell!
Mareike: Fast schon gruselig.. Und das Beste ist, Riikka hat zwei Tage vor mir Geburtstag und dann haben wir eine Geburtstagsparty zusammen geschmissen, wie gesagt vor dem ewz!
Riikka: Genau!
Mareike: Wir sind so voll das Ehepaar! (lacht)
Ich: Das klingt ja fast schon nach Schicksal, glaubt ihr ans Schicksal?
Mareike: Nicht abergläubisch, aber ich glaub an so Sachen. Es gibt ja Verbindungen und Parallelen, und wenn es sein muss, dann passiert das einfach so, da kann man sich nicht wehren.
Riikka: Ja ich würde es ähnlich ausdrücken. Ich denk, es gibt viele Dinge, die man nicht ganz erklären kann, vielleicht nicht Schicksal, manchmal hat man ein Bauchgefühl und geht in eine bestimmte Richtung und dann passiert was und vielleicht hat man das schon geahnt, aber man kanns nicht erklären und ob das Zufall ist…
Mareike: Zufall glaub ich nicht.
Riikka: Weil man selber sehr fest bestimmt, wo’s lang geht.
Mareike: Und wir zwei treffen ja irgendwie ähnliche Entscheidungen und sind trotzdem sehr verschieden. Ich hab dann irgendwie gesehen bei dir, irgendwie, deine Thematiken die du hast, ich arbeite ja recht anders, aber die Themen waren ziemlich gleich, oft, und ich dachte krass jetzt, die hatte die gleiche Idee, einfach vor mir!
Ich: Heisst das, das eure Entscheidung gemeinsam ein Projekt zu machen rein opportunistisch ist, weil ihr immer die gleichen Ideen habt?
(beide lachen)
Mareike: Nein! Wir haben uns gesehen und dachten, so jetzt müssen wir mal zusammen..
Riikka: ..das ist die Möglichkeit!
Mareike: ..um die Energien zusammenfliessen zu lassen. Und vor dem ewz haben wir eben den Geburtstag zusammen gefeiert. Ja und da mussten wir am Tag nach der Party so heftig viel putzen und richtig planen, so organisatorisch. Da haben wir gemerkt, dass das extrem gut klappt, dass wir ein extrem gutes Team sind, wir waren extrem effizient!
Ich: Aufgrund des Putzens habt ihr also gemerkt das ihr zusammen ein Projekt meistern könntet?
Mareike: Ja! wir hatten beide einen furchtbaren Kater..
Riikka …kein Wunder…
Mareike: Aber es ging extrem gut irgendwie, wir mussten gar nicht so viel sprechen..
Riikka: ..die eine hat immer schon das gemacht was die andere gedacht hatte..
Mareike: Toll ne! So haben wirs gemerkt! Und dann haben wir uns eben im ewz-Unterwerk Selnau bei euch gesehen und ich so: “Riikka!”, hab dann gleich auch gedacht, ich habe Lust und dann kuckt sie mich so an und fragt: “Wollen wirs zusammen machen?”.
(beide lachen)
Ich: Und diese Begegnung bei unserer ersten Begehung war auch wieder zufällig?
Riikka: Ja!
Mareike: Wir haben uns angeschaut, und ich dachte: “Doch doch, es ist so weit!”.
Riikka: Ja.
Mareike: Der Moment der Begegnung..
Zusammen leben könnten die zwei aber nicht unbedingt, sie brauchen einen gewissen Abstand, um gemeinsam funktionieren zu können. Allgemein scheinen die zwei netten Damen sehr dynamisch aber auch ambivalent miteinander zu harmonieren. Ich hab fast keine Kontrolle über das Gespräch, es ergibt sich von selbst und jetzt kommt auch noch Brigham, der Fotograf, hinzu.
Brigham: Die Sonne wäre jetzt gerade echt schön um Fotos machen!
Mareike: Ja megaschön, dann können wir uns da hinten ins Gras legen!
Riikka: Also ich hab jetz eher an den Beton da drüben gedacht, der gefällt mir.
Jedenfalls machen die drei ein kurzes Fotoshoting, und ich hole nochmal eine Runde Bier. 12
Die Sonne scheint, und es entsteht ein Licht und eine Stimmung, wie in einem finnischen Independent-Movie, wenn gerade ein lebensphilosophische Szene abgehandelt wird, die von glücklichem Suizid handelt. Und plötzlich ganz feine, leicht-erfrischende Regentröpfchen, die auf unsere Haut tröpfeln, während wir uns wieder an den Tisch setzen. 3
Wir stossen an und das Bier schmeckt.
Ich: Streitet ihr euch?
Mareike: Nein, bis jetzt noch nicht.
Riikka: Vielleicht am Ende vom Projekt dann.
Mareike: Wenn sich irgendwie eine querstellt oder so.
Ich: Als was würdet ihr euch bezeichnen? Seid ihr Künstlerinnen?
Mareike: Ja sicher!
Ich: Beschreibt doch mal, was bedeutet das für euch?
Mareike: Das ist so ne Passion. Auf eine Art ist es ja auch ein Beruf, und man muss es irgendwie machen, aber man muss nebenbei trotzdem irgendwie arbeiten wegen dem Geld, aber das sind Geldjobs und dann macht man wieder Kunst, das, wo man was umsetzen muss. Die Kunst ist für mich ein Bereich indem ich mich vom zu viel Denken loslösen kann, da lass ich mir nicht reinpfuschen. Die Kunst öffnet mir Türen, die sich mir nur mit Denken erst gar nicht aufzeigen würden. Manchmal quält es mich aber auch, und ich denke mir, ist das alles, für das ich so hart arbeite? Aber es ist etwas, das mir gehört und es gibt mir sehr viel zurück.
Riikka: Das Leben ist auch einfach zu schade dafür, nicht zu machen, was man will.
Mareike: Hach ja…
Riikka: Ich mein, man kann schon einfach eine Karriere machen, weil man denkt, das man das machen muss.
Mareike: Das bringt Kohle oder Vorteil.
Riikka: Aber für mich ist Kunst ein Weg, das zu machen, was ich machen will.
Mareike: Irgendwie auch ein Luxus.
Riikka: Ja schon auch ein Luxus zum Teil, aber auch ein sehr harter Weg! Er hat einen hohen Preis dieser Weg. Du musst sehr viel arbeiten, weil da kommt ja niemand, kein Chef oder so, der dir sagt, wie du was machen musst. Für mich ist die Welt absurd, wenn man’s ein bisschen negativ sieht sogar ein wenig bescheuert, so dass ich quasi auch keinen anderen Bereich sehe, wo alles so viel Sinn macht, wie in der Kunst. Ich glaube, es ist die Freiheit, es ist eine Ausdrucksform, wo jeder Künstler seinen Weg wählt.
Ich: Stellt euch mal zum Schluss noch vor, ihr würdet in fünf Minuten ableben, was würdet ihr jetzt erreicht haben wollen? An was würdet ihr jetzt zurückdenken wollen?
Mareike: Wenn ich dann mal so weit bin, möcht ich das Gefühl haben, dass ich alles gemacht habe, was ich wirklich wollte. Jetzt nicht kompromisslos, aber mich ausgelebt haben möcht ich dann. Ich glaub auch, dass man reifer und weiser wird mit dem Alter und der Humor sich weiterentwickelt, der muss immer da bleiben! Wenn ich dann da auf dem Sterbebett liege, möcht ich dann nochmal einen Witz hören und sagen können: “Es war gut!”
Riikka: Ich fänds ganz spannend was danach kommt..
Mareike: Also ich wär recht am Arsch wenn das jetzt passieren würde!
Riikka: Ich find, ich seh jetzt nicht den grossen Punkt. Für mich sind die kleinen Dinge genauso wichtig wie die grossen, und ich find einfach, ich glaub dein letzter Satz Mareike, ich würd ihn nicht mit den gleichen Wörtern formulieren, aber es ist dasselbe. Das man sich treu bleibt. Aber um das machen zu können, muss man sich spüren können, sich vertrauen, um den richtigen Weg zu gehen. Ich verlasse mich eigentlich ziemlich darauf, dass der immer da ist. Klar kann man ihn immer wieder verlieren, das ist normal. Aber ich möchte mir dann einfach sicher sein, genau das zu spüren, das zu merken, das zu fühlen und dann ist glaub ich alles gut, am Ende!
Wir witzeln noch ein wenig darüber, dass unser Interview mit dem Tod endet und Mareike muss auch schon los.
Brigham und ich bleiben mit Riikka sitzen, trinken das Bier fertig, und einige Zigaretten und angerissene Diskussionen später löst sich das Konglomerat auf, und wir gehen alle unseren Weg. Unseren eigenen Weg. Mal zusammen, mal entzweit.