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BigBrother – Lady Gaga – Roland Barthes. Ein Chat mit Florence Jung

, Chat und Übersetzung: Simon Truog

Florence Jung, in wenigen Worten, worum geht es bei deinen Arbeiten?
Ich bin die falsche Person um darüber zu sprechen, weil ich mein Werk nicht mit Abstand betrachten kann. Aber um die Frage ansatzweise zu beantworten: Als Person, die sich für Kunst interessiert, bin ich neugierig bezüglich ihrer Geschichte, und ich arbeite über ihre Konventionen, Charaktere und Zeichen. Aber das ist nur mein Denkprozess – wenn das Publikum meine Arbeit ganz anders wahrnimmt, ist das in Ordnung.

Also müsste ich das Publikum fragen. Was würde es antworten?
Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich etwas anderes. Auch wenn ich direkt über Kunst selbst arbeite, versuche ich Distanz zu gewinnen und nicht von der Geschichte abhängig zu sein – ich versuche es grösser zu machen als Kunst über Kunst über Kunst.

Aber gibt es so etwas wie eine Message oder Idee (sagen wir: eine Aussage über die Dinge), von der du willst, dass das Publikum sie aus deiner Kunst herausliest?
Ja. aber das Publikum darf auch das exakte Gegenteil darin sehen.

Du hast einmal zu Roland Barthes’ Essay „Der Tod des Autors“ und dessen Zitation von Sherrie Levine gearbeitet. Wie weit würdest du gehen bezüglich Tod des Künstlers?
Ich will schlicht, dass mein Werk unabhängig von mir und meinem persönlichen Leben dasteht. Ich denke, es ist eine veraltete, romantisierende Konzeption ein Kunstwerk vor dem Hintergrund der privaten Angelegenheiten des Künstlers zu lesen. Wie weit ich gehen würde? Nicht weiter als soweit, den Autor vom Werk zu trennen. Wenn ich Leuten dabei zusehen will, wie sie ihr Leben zur Schau stellen, dann schaue ich eher Reality-TV, als dass ich an eine Ausstellung gehe.

Und die ‚Aussage über Dinge’, von der wir gesprochen haben, ist ebensowenig mit deiner Person verknüpft?
Nein, beziehungsweise ja. Aber es gibt eine unvermeidliche Kluft zwischen meiner Absicht und meiner Arbeit. Dies sind zwei verschiedene Dinge, und da ich die Publikumsrezeption meiner Arbeit nicht kontrollieren kann, spielen meine ganz eigenen Absichten schlicht keine Rolle. Ein Werk muss für sich alleine dastehen können, unabhängig davon, wer es unterschrieben hat.

Konkret: Was wird der kunsthistorische Aspekt des Werks sein, das du am “Nullpunkt 2011” ausstellen wirst?
Am Anfang war ich irritiert vom Begriff „Avantgarde“. Er bedeutet nichts, denn für mich ist Kunst die Repräsentation der Realität. Niemand ist insofern seiner Zeit voraus, es ist nur manchmal jemand besonders feinfühlig darin, zu verstehen, was gerade geschieht. Nun, offensichtlich hat das viel mit Experimenten und Radikalität zu tun, und die Geschichte des Monochrom ist sehr stark mit beidem verbunden. Schliesslich wurde sogar das Monochrom-Ding zu einer Kunstbewegung mit eigenen Konventionen. Deshalb kam mir der Gedanke, dass das Auftragen von Farbe auf ein Gemälde bereits eine Selbstrechtfertigung ist. Ich habe Monochrome ohne Farbe darauf gemacht. Dies wird zu einem Scherz über die „Avantgarde“ und ihren endlosen Radikalitäts-Wettkampf. Ein richtig schlechter, modernistischer Witz.

Also wird das „Etwas-anderes-machen“ uniform?
Hm, eher wird das „Etwas-anderes-machen“ zum Gemeinplatz.

Weshalb hast du für das Portrait im Nullpunkt Magazin Bilder von deinen Büchern ausgewählt?
Bücher haben mich geformt, geprägt und meine Sicht auf die Dinge stark verändert. Als Teenager war ich gelangweilt, und die Schule gab mir nicht die Antworten, nach denen ich suchte. Einige Autoren kamen gerade zur richtigen Zeit. So Hemingway, Steinbeck und Bukowski. Auch Jane Austen und Dorothy Parker. Ein paar andere kamen hinzu, als ich zur Kunstschule ging. Dank einigen Lehrern habe ich Jouannais, Ballard, Daney und Perec entdeckt. Da gibt es irgendeinen Zauber, ein Buch kann wirklich dein Leben ändern, wie ein Film oder ein Musikalbum. Bei mir geschieht dies manchmal mit einem Buch. Beantworte ich damit die Frage? Ich mag schlicht die Idee, mich als Bibliothekarin hier vorzustellen, weil ich es auch sehr geniesse, wenn Leute mir Bücher empfehlen.

Denkst du, jeder Künstler hat seinen eigenen Stil und seine eigene legitime Konzeption (auch wenn die Konzeption vielleicht die ist, dass es keine gibt), oder denkst du, im Gegenteil, es gebe gute und schlechte Konzepte und gute und schlechte Kunst?
Ich denke, dass die Kunst einer der Spiegel unserer Gesellschaft ist. J. M. Armleder sagte in etwa: „Kunst ist nicht einzigartig, sie ist nutzlos, aber schlicht unvermeidlich.“ Ich bin damit sehr einverstanden. Jeder Künstler ist überaus legitim, es gibt keine gute oder schlechte Kunst, genausowenig gibt es neu oder alt oder irgendwelche Wertungs-Massstäbe.

Aber um auf BigBrother (bzw. Reality-TV) zurückzukommen, was in einem weiten Begriff auch Kunst ist; ist so etwas nicht scheusslich?
Ein riesiger Teil der Geschichte hätte nie stattgefunden ohne die scheusslichen Dinge. Ohne die Gewalt unserer Zeit hätte J.G. Ballard nie geschrieben, auch Ian Curtis nicht, auch Amy Winehouse nicht.

Sie mögen in Frieden ruhen…
Dreimal ja.

Winehouse hat geschrieben?
Ihre Texte, ihre Musik. Aber wir sollten aufhören, über sie zu sprechen, denn ich habe grosse Angst vor dem Michael Jackson-Tod-Medien-Sättigungs-Syndrom. Zurück zu deiner Frage: Hierarchien von guter und schlechter Kunst, Musik, Literatur oder sonst etwas sollte es nicht geben. Dies sollte gar nicht zu Diskussion stehen. Den Wert der Dinge zu Kategorisieren ist immer gefährlich, abgesehen davon, dass es eine grosse Zeitverschwendung ist. Ich finde es überhaupt lächerlich, absolute Gewissheiten zu haben.

Aber besteht hierbei nicht das Risiko, dass dann jeder ein Künstler sein kann und als solcher leben kann (angenommen die Leute kaufen sein Zeug oder besuchen seine Ausstellungen, auch wenn sie schlecht oder scheusslich sind), und in der Folge werden Dinge wie Bildung und Philosophie hinfällig.
Nun, das ist ein schönes Risiko. Schau: Lady Gaga, die keine Protagonistin in der Philosophie oder Bildung ist, rehabilitiert beiläufig das Symbol des Judas: Seit zweitausend Jahren ist Judas das universelle Paradigma für Perfidität, er verkörpert ganz alleine die Mittelmässigkeit des Menschen. Mit einem simplen Song verwandelt der Popstar in den Kleidern von Maria Magdalena Abscheu in sexuelle Trance. Wieso sollte ihre Perspektive auf die Geschichte weniger wert sein als das Evangelium?
“I couldn’t love a man so purely
Even darkness forgave his crooked way
I’ve learned our love is like a brick
Build a house or sink a dead body
(…)
In the most Biblical sense,
I am beyond repentance
Fame hooker, prostitute wench, vomits her mind
But in the cultural sense
I just speak in future tense
Judas kiss me if offenced,
Or wear an ear condom next time
(…)
I’m just a Holy Fool, oh baby he’s so cruel
But I’m still in love with Judas, baby”
Lady Gaga, Judas, from the album Born this way (2011)

Für mich ist Lady Gaga eine interessante Künstlerin, weil sie offenbar subversiv ein Statement abgibt über die Pop-Kultur. Ein performativer Akt um zu sagen: Pop funktioniert so. Aber wenn das, was sie tut, ernst gemeint ist, dann finde ich sie grässlich.
Sie hat zweifellos ein Talent für ein „Dazwischen“, „im Dazwischen zu bleiben“. Du weisst nicht, ob sie es ernst meint oder nicht. Niemand kennt sie – und damit sind wir wieder bei Barthes – als eine wirklich-wahre-Person. Ihre Kunst, zusammengesetzt aus ihrer Musik und ihrer öffentlichen Figur, ist alles, worum es geht. Und du darfst frei wählen, ob du es als ernst wahrnimmst oder nicht. Wenn du deine „groupiness“ auf ihrer zynischen Sicht auf die Untehaltungsindustrie aufbaust, ist das perfekt. Sogar das Gegenteil ist perfekt. Es gibt allgemein kein Dogma, das zu respektieren wäre in Sachen Kunstauffassung.

Danke für die „groupiness“…
Okay, du bist definitiv der zynische Groupie.

Eine letzte Frage: Versuchst du, gute Kunst in einem ästhetischen oder philosophischen Sinne zu machen, oder versuchst du Kunst zu machen, die die Realität bestmöglich beschreibt – oder keines von beidem und was dann?
(Verdammt, an dieser Stelle wollte ich mit dir Lady Gaga-Sticker austauschen).
Aber zurück zu meiner Arbeit, natürlich soll es Sinn machen, auch wenn ich keine direkten Strategien anwende, um diesen zu zeigen. Mein ‚Punkt‘ ist nicht jedem einzelnen Stück enthalten. Ich finde es spannender, wenn aus meinem Werk mit der Zeit ein genereller Blick entsteht. Gute Kunst zu machen ist mir gleichgültig, ich versuche einfach, genau zu arbeiten, akkurat meinen Job zu machen. Zu sagen, „meine Arbeit ist dies oder das“ ist uninteressant und ausserdem nicht wahr. Die Dinge sind immer in Bewegung. Ich spiele nach den Spielregeln, aber ich könnte auch mogeln. Ich nehme nichts zu ernst.

Danke für diesen Chat.
Danke auch.

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