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Yamana - eine Sprache am Nullpunkt

, Sarah Bleuler

Ein Wort kann als Neologismus in unseren Sprachgebrauch aufgenommen werden, ein Wort kann auf der semantischen Ebene eine neue lexikalische Bedeutung erhalten, ein Wort kann aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch verschwinden und vergessen gehen. Der Sprachwandel ist ein vielerforschtes Phänomen verschiedener Wissenschaften und Wissenschaftszweige – unzählige Theorien, Modelle und Auffassungen beschreiben in der ‘Historischen Linguistik’ die Geschichte und Dynamik von Sprache, eines unserer wichtigsten Kommunikationsmittel.

Die Geschichte der Sprache der Yamana war Ausgangspunkt eines Dialogs: Nora Zukker 1 und Johanna Lier 7 kannten sich bis vor einigen Wochen nicht, eine Begegnung am Nullpunkt.

Yamana – eine ethnische Gruppe von Ureinwohnern Feuerlands 10, dem südlichsten Zipfel Argentiniens, am Ende der Welt. Mit der Ausrottung der Yamana durch weisse Siedler Anfangs des 20. Jahrhunderts ging auch die stammeseigene Sprache vergessen. Die letzte Frau, die dem Stamm der Yamana angehörte, starb 1983 in Ushuaia 11. Johanna Lier stiess während ihres Argentinienaufenthalts auf ein im 19. Jahrhundert vom englischen Missionar und Sprachwissenschaftler Thomas Bridges erstelltes Wörterbuch der Sprache der Yamana und war fasziniert vom Gedanken, mit einer ausgestorbenen Sprache zu arbeiten.

„El Diccionario de Bolsillo Yamana“ enthält über 32000 Wörter der Spacher der Yamana, 15 davon erhielt Nora Zukker von Johanna Lier und verfasste mit den Wörtern und rund um die Begriffe ihre Texte für den Abend mit Johanna am Nullpunkt. Johanna Lier antwortete mit einer poetischen Auseinandersetzung mit der Sprache der Yamana.

Die beiden Frauen, beide fasziniert von Wortaneinanderreihungen und der Arbeit mit Sprache, zogen das Publikum in den Bann ihres anspruchvollen Programms. Nora Zukker als junge Wortakrobatin, mitten im Prozess der Selbstdefinition und Selbstfindung als Schreibende, Johanna Lier als erfahrene und weit gereiste Dichterin – zwei Generationen, ein Dialog. Das Publikum am Nullpunkt erlebte eine bewegende, literarische Reise, nicht ganz ans Ende der Welt, aber in eine Welt wo vergessen geglaubte Wörter wieder eine Bedeutung zugeschrieben bekommen und in einem neuen sprachlichen Zusammenhang Gemüter bewegen vermögen.

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