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Leben am Nullpunkt

, Miloud Genova und Sarah Bleuler

Miloud
Eine Nacht lang war mir die Halle des ewz-Unterwerk Selnau ein Dach über dem Kopf. Die Nacht vor der grossen Eröffnung. In jener Nacht beginnt diese kurze Erzählung.

Allein in der Halle. 04:00. Nur noch eine Nacht. Arbeiten. Einschlafen. Aufwachen. Homepage aktualisieren. 09:00. Erste Leute in der Halle. Kerneaktor. Kunstschaffende. Staubsauger. Eine grosse Baustelle. Mittag. Schaffen wir das alles in sechs Stunden? Künstlerin fällt von Leiter. Blut. Hand halten. Ambulanz. 14:00 Es geht weiter. Aufbauen. Verschieben. Installieren. Sockel anmalen. Einkaufsliste. Essen? Nein. Lounge einrichten. 16:30. Ins Radio LoRa Studio. Tape aufnehmen. Zwischen Seite A und B nach Hause. 17:15. Duschen. Kleiner Streit mit Mitbewohner obwohl keine Zeit. Zurück ins Studio. Seite B auch bespielt. 17:50. Gemeingefährliche
Velofahrt. 17:57. Ankunft in der Halle. Tape für Atelier für Sonderaufgaben auf Sockel installiert. Schweissbad. Ist alles fertig? Steht die Bar? Helfer da? Deo. Parfum. Neues T-Shirt. Es sitzt. 18:12.

Es war hektisch. Es war stressig. Es war viel. Es war gross. Gesunder Grössenwahnsinn, beschreibt das ganze ziemlich treffend. Und obwohl um 18:00 alles stand, die Helferinnen und Helfer da waren, eigentlich alles ausser kleinsten Kleinigkeiten fertig war, es wollte sich bei mir keine Ruhe einlegen. Ein unbeschreibliches Gefühl, von vollkommen ausgefüllter Leere. Auf die Frage wie es mir gehe antwortete ich oft: “Ich weiss es nicht, ich spüre es nicht”. Und auf die Frage ob wir zufrieden seien oft mit: “Wenn ich es mir objektiv überlege, ja. Es steht alles!”. Ein ambivalentes Gefühlsbad in einer sich immer mehr füllenden Halle, der Halle in der ich noch zwölf Stunden zuvor auf einem Sofa schlief, völlig alleine und völlig ahnungslos, ob und wie das Ganze kommen wird.

Leute kamen, immer mehr, jung und alt und sie tranken und es entstand ein Gefühl, ein Gefühl das getragen wurde, von allen, ein Gefühl von einer grossen Halle gefüllt mit Menschen, die an den Nullpunkt wollten, die sehen wollten, was entstanden ist aus dem monatelangen Prozess. Und das Gefühl schwappte auch auf mich über und alle waren wir zusammen da.

Am Nullpunkt.

Wir starten am Nullpunkt.
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Sarah
In der Kommandozentrale stehend blicke ich, den Herztönen von Thorsten Strohmeiers Installation lauschend, in die Halle. Sie ist voll, seit Stunden. Hunderte Besucher stehen vor und zwischen den Kunstwerken, warten an der Bar auf ein Pfauenbier und bauen mit Legosteinen. Wortfetzen hallen in meinem Kopf nach, die konstante Reizüberflutung lässt mich die aufgeschnappten Bruchteile von Diskussionen nur teilweise verarbeiten. Mein Blick verschleiert, Alice Guts rote, quer durch die Halle gespannten Bänder verfliessen, sie werden zu einer homogenen, roten Fläche. Die Gestalten im Erdgeschoss verschwimmen, nur noch als unscharfe, dunkle Flecken nehme ich sie wahr. Bewegung ist da, aber für mich steht ein kurzer Moment die Zeit still.

Stunden vorher: Sirenengeheul, die Ambulanz hält vor dem ewz-Unterwerk Selnau. Eine Künstlerin hat sich bei den Arbeiten im Untergeschoss verletzt und muss im Spital notoperiert werden (alles gut gegangen!). Die Aufregung ist gross, doch die Aufbauarbeiten müssen weitergehen. Kunstwerke werden hin und her gerückt, der Staubsauger explodiert, im Untergeschoss gleicht das Treiben dem Krabbeln der Ameisen in Jill Mattes’ Formicarium. Nur wenige Stunden trennen uns von der Eröffnung der Ausstellung um 18 Uhr, und die Halle reiht sich noch in die lange Liste der Zürcher Baustellen ein. Die Nervosität ist spürbar, doch es wird angepackt, alle Beteiligten arbeiten symbiotisch zusammen. Die letzten Stunden vor der Türöffnung stehen symbolisch für das ganze Projekt. Ein unglaubliches Miteinander während der letzten Monate, mit Höhen und Tiefen, hin zum Nullpunkt.

Dann ist es soweit. Gleichzeitig mit dem Anbringen der letzten, frisch gedruckten Plakate, strömen die ersten Besucher in die Halle. Neugierige Blicke, ein langsames Herantasten an die einzelnen Werke, die für sich sprechen und gleichzeitig im Dialog stehen, Rede und Gegenrede. Ich möchte mich mit allen gleichzeitig unterhalten, meine Freunde begrüssen, die Live-Performance von Julia und Fabio geniessen und den Moment leben. Der Ansturm überwältigt mich, und der Einfluss des ersten Weissweins verstärkt das Gefühl der totalen emotionalen Überforderung. Irgendwann wird es mir zu viel, ich flüchte in die Kommandozentrale. Sie ist leer.

Die Herztöne setzen aus, ein kurzer Augenblick lang ist es totenstill. Die anstrengenden Tage und Nächte der letzten Monate, die Nervosität der Stunden vor der Vernissage, die mit dem Nullpunkt verbundenen Emotionen, alles summiert und entfaltet sich in einem einzigen Moment. Dann setzen die Herztöne wieder ein, mein Blick wird scharf. Im Rhythmus der Herzschläge finde ich zurück. Der Nullpunkt lebt.

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