Neuste Beiträge:

Fabrikate

oimoi probt den System failure

, Moritz Mähr

Ich stehe am Strassenrand. Das Tanzhaus ist unscheinbar. Das Büro mit gleich lautender Anschrift vermag sich aber ein kleines Stück der Lässigkeit der unzähligen Architekten abzuschneiden, die im selben Haus an der Wasserwerkstrasse 39 eingemietet sind. Ich öffne die Tür, und anscheinend sieht man meinem Gesicht an, dass ich auf der Suche bin. Auf meine Frage hin, wo ich den oimoi finden könne, zeigt mir ein jung gebliebener Mann mit grauen Haaren freundlich den Weg. Gemächlich steige ich die Treppe hinab zu den Studios, wo mich Julia schon auf halbem Weg empfängt. Anscheinend hat es ein Missverständnis gegeben. Die Formation der Tanz- und Theatergruppe oimoi wartet seit zwei Stunden auf mich. Wir gehen zum letzten Studio, und ich ziehe meine Schuhe aus vor der Tür. Der Boden fühlt sich weich und warm an, als ob ich auf Wachs gehen würde. Ich entschuldige mich für meine Verspätung. Julia erwidert, dass sie die Zeit eigentlich gut haben brauchen können, um ihre Idee noch weiter zu festigen. Judith, Amadeus und Daniel nicken zustimmend. Ich bin erleichtert. Eine leise Stimme flüstert mir zu. Jessica und ihre Canon sind nun auch hier. Die Stimmung ist gelöst, und obwohl ich eigentlich auf das Interview verzichten könnte, stelle ich Fragen. Amadeus gibt mir bereitwillig Auskunft über den Hintergrund ihres Werks. Sie identifizieren Zyklen. Gesellschaftlich und persönlich kommt man immer wieder an einen Nullpunkt. Gesellschaftlich kann das Ausschluss bedeuten, persönlich bedeutet es Krise. Sie möchten zwei bis drei Zyklen darstellen. Die persönliche und die gesellschaftliche Perspektive kontrastieren und verschmelzen. Der Ausschluss als zentrales Motiv ihrer Performance. Bis die Gesellschaft vor lauter Ausschluss am Nullpunkt ankommt. Ich höre gespannt zu. Aber noch viel lieber möchte ich oimoi beim Proben zusehen.
Zwei Tänzerinnen sind heute nicht anwesend. Das tut aber nichts zur Sache. Sie proben den Ausschluss. Die Figuren sind niedergeschrieben. 1 Die Gruppe bewegt sich. Bei einer Drehung steht Julia plötzlich abseits. 23 Die anderen zeigen mit dem Finger auf sie. Sie überlegen sich, wie man die Unterlegenheit tänzerisch darstellen könnte. Sie kriechen auf dem Boden, ahmen Tiere nach. In der nächsten Sequenz entscheidet sich Judith für Amadeus. Daniel steht auch alleine da und gehört zur Minderheit. Jetzt gehen nur noch zwei aufrecht. Am Schluss drückt Amadeus mit einer langsamen Bewegung Judith zu Boden. Er steht alleine da. Sie sprechen über die passende Musik. Und ob es für alle Szenen Musik braucht. Dabei sprechen sie eine Sprache, die mir nicht geläufig ist.
Anschliessend besprechen sie ihre Soli. Judith, Amadeus und Daniel haben ihre Soli noch nicht konkret ausgearbeitet. Aber sie wissen, in welche Richtung es gehen soll. Daniel möchte ein Gedicht vortragen. Judith möchte nur tanzen. Ohne Musik. Vielleicht mit Geräuschen. Julia hat die ganze vergangene Woche an ihrem Solo gearbeitet. Es dauert fünf Minuten. Die anderen ermutigen sie, es ihnen zu zeigen. Julia zieht den Vorhang vor dem Spiegel. Das Studio im Tanzhaus mutet einer kleinen Bühne an, und wir sitzen in der ersten Reihe. Die Musik geht an. Julia liegt auf dem Boden, wie auf einer grünen, saftigen Wiese an der Sonne. Sie steht auf, jugendlicher Übermut überkommt sie, und sie bewegt sich sehr energetisch. Die Stimmung ändert sich. Sie wird älter, träger und verliert an Spontaneität. Sie ist in der Maschinerie. Dann der Kollaps. Sie bricht aus und sucht und findet. Am Ende schliesst sich der Kreis, und sie liegt auf den Boden. Das Lied klingt aus. Applaus. 4
Nun besprechen alle gemeinsam das Solo. Daniel empfand es als sehr unangenehm – auf eine gute Weise. Amadeus ist begeistert und erzählt die Geschichte, die er gesehen hat. Judith fragt nach dem Ursprung der Impulse für die plötzlichen Wechsel der Lebensphasen. Nach dem erkennbaren Unterschied von innen und aussen. Sie diskutieren über abstrakte Begriffe, die man mit dem Solo in Verbindung bringen könnte, um dem Zuschauer die Geschichte zugänglicher zu machen. 5
Ich fühle mich unsichtbar. Sie sehen uns nicht mehr, sind in ihrem Element und Jessica hat die Szenen einfangen können. Ich warte auf einen Moment der Stille. Wir verabschieden uns und wollen uns in ein paar Wochen nachmals treffen.

Tags:

Abbildungen

oimoioimoioimoioimoioimoi