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Nicht noch so ein Cüpli-Anlass!
, Miloud Genova
Ein lauer Frühlingsabend in Zürich, der nicht mit wohligem Nichtstun in kichernden und sich betrinkenden Massen verbracht wird, denn das Organisationskomittee vom Nullpunkt 2011 ruht nicht. Die Vorbereitungen werden unbändig vorangetrieben. Zeit zum verschnaufen bleibt kaum. Die Redaktion 1 im Gespräch mit dem Organisationskommittee.
Moritz 2, Marcel 3, Ursin 4, Ihr seid das Organisationskomittee vom Nullpunkt 2011. Ein ambitioniertes Projekt, dass im Rahmen des Vereins Kernreaktor entstanden ist, einem Verein für Kultur, soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit.
Könnt Ihr kurz erklären was der Kernreaktor macht?
Moritz: Der Kernreaktor wurde 2008 von Marcel, Marco und mir gegründet. Es hat sich eigentlich alles aus Partys entwickelt, welche einen Gegensatz bilden sollten zur hiesigen sehr kommerziell ausgerichteten Partyszene. Aus den in selbst geschaffenen Freiräumen gefeierten und grossen Anklang findenden Partys ist im Laufe der Zeit ein Konzept entstanden, dessen Grundidee nicht nur Partys betrifft, sondern das Leben im Allgemeinen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach dem nachhaltigen Leben, nachhaltigen Gesellschaftsformen und dem Begriff der Nachhaltigkeit selbst, ohne mit mahnendem Finger verurteilen oder predigen zu wollen. Einzelne Projekte sollen dem Verein Inhalt geben und eine Identität bilden. So entstanden und bestehen zum Beispiel eine wöchentlich erscheinende Kolumne und eine monatlich zweimal ausgestrahlte Radiosendung.
Wieso Nullpunkt?
Ursin: Nullpunkt ist das Resultat eines Prozesses. Die Nachhaltigkeits-Diskussion hat immer wieder Fragen aufgeworfen, welche sich in der Frage „Ist die Nachhaltigkeit am Nullpunkt?“ am ganzheitlichsten manifestiert hat.
Moritz: Weil der Nullpunkt das Ende, den Kollaps und die Resignation darstellt, zur selben Zeit aber auch der Anfang für etwas Neues ist.
Marcel: Es ist der Beginn eines Abenteuers.
Was oder wo ist der Nullpunkt?
Ursin: Einerseits ist Der Nullpunkt nicht wirklich fassbar, er ist ein Konstrukt, der in unseren Köpfen entsteht. Andererseits wird der Nullpunkt vom 1.-10. September sichtbar gemacht, im ewz-Unterwerk Selnau. Vorbeikommen & erleben.
Marcel: Der Nullpunkt ist überall und nirgendwo. Im Menschen und um ihn herum – wenn er zweifelt, trauert oder hofft, und wenn er betet oder meditiert. Nullpunkt ist die grosse Leere oder der Beginn von etwas Neuem.
Moritz: Der Nullpunkt ist im ewz-Unterwerk Selnau. Aber das ist eigentlich nur eine Repräsentation dessen, was sich in den Köpfen der Beteiligten abspielt. Jeder muss für sich selbst an diesen Punkt kommen, wo die Introspektion an ihre Grenzen stösst und einem nichts mehr bleibt, als bei Null anzufangen. Ich habe immer das Bild einer ruhenden Wasseroberfläche vor meinem geistigen Auge, auf die ich einen Gegenstand fallen lasse. In dem Moment, in dem der Gegenstand das Wasser berührt, bricht der Nullpunkt und Wellenbewegungen schlagen aus, werden von den räumlichen Begrenzungen zurückgeworfen und der Prozess verselbständigt sich. So ist nicht zentral, wo dieser Nullpunkt ist, sondern was er auszulösen vermag.
Wer ist am Nullpunkt 2011?
Ursin: Am Nullpunkt sind Kunst- & Kulturschaffende anwesend, welche uns an ihrer Auffassung vom Nullpunkt teilhaben lassen und ein Publikum, das sich aktiv mit dem Thema befasst oder durch das attraktive Angebot zum nachdenken angeregt wird.
Marcel: Jeder der den Mut hat nachdenklich zu sein, findet sich immer wieder am Nullpunkt.
Moritz: Es sollen alle an den Nullpunkt kommen. Es betrifft die Gesellschaft, von der wir alle Teil sind.
Was treibt Euch armen Studenten an, Eure teure Zeit mit der Organisation eines solchen Riesenereigniss zu verbringen?
Ursin: Als Student oder Studentin nimmt man eine privilegierte Stellung ein. Wir haben freien Zugang zu Wissen. Aus diesem Wissen sollten wir einen Wert schöpfen. Für mich heisst das neue Wege zu beschreiten, eigene Sichtweisen einzubringen und etwas für die Allgemeinheit zu tun. Leute, die sonst durch Eintrittspreise oder das Umfeld heutiger Kunstveranstaltungen abgeschreckt sind, wollen wir so zu einem neuen Zugang zu Kunst und Kultur bewegen.
Moritz: Seit der Gründung des Vereins glaube ich, dass wir als Studenten und Studentinnen mit unserem Wissen eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben. Wissen, das produktiv eingesetzt und allen zugänglich gemacht werden sollte. So ist alles was wir machen, sei es eine Kolumne, eine Party oder eine Radiosendung allen frei zugänglich. Das treibt uns an solch einen Event zu organisieren.
Ihr seid weder Kulturmanager, Fundraiser oder Kuratoren. Wie wollt ihr es schaffen den Nullpunkt 2011 auf die Beine zu stellen? Habt Ihr überhaupt genügend Ressourcen?
Moritz: Obwohl wir jung sind und auf dem Weg unsere Erstausbildung abzuschliessen, haben wir alle ausserhalb dieses Weges Erfahrungen sammeln können. Die Kunst liegt darin, was im Kleinen im Umgang mit Projekten funktioniert hat, im Grossen hinzukriegen. Wir müssen genug Leute um uns herum für diese Idee begeistern können. Essentiell für das Gelingen dieser Veranstaltung ist zudem die Zuwendung von Firmen und die finanzielle Unterstützung durch Kulturförderstellen.
Ursin: Klar, es steht vieles noch in den Sternen, aber wir haben einen tollen Verein im Rücken, der die Idee mit viel Engagement und Wille unterstützt und mitträgt. So kriegen wir das auf die Reihe.
Was für Kunstschaffende wollt Ihr im Boot haben und wieviel Platz ist im Boot für die freie Umsetzung der Thematik durch die einzelnen Teilnehmenden?
Ursin: Strenge Kriterien zur Auswahl gibt es eigentlich nicht. Die Idee ist es, nicht nur arrivierte und ältere Kunst- und Kulturschaffende zu versammeln, sondern ein breites Spektrum abzudecken. Ein Teilfokus liegt deshalb vor allem auch auf jüngeren Kunst- und Kulturschaffenden.
Moritz: Wichtig ist, dass sie sich inhaltlich mit der Thematik auseinandersetzen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit ist unserer Meinung nach aber sehr vielfältig und fast nicht einschränkbar. Es ist praktisch und theoretisch fast alles möglich. Von der Verwendung von reziklierten Materialien bis zu abstrakten Darstellungen. Entsprechend setzen wir den Fokus zur Auswahl der Teilnehmenden breit an und unterwerfen die Teilnehmenden auch nicht schon im Vorhinein einem künstlerischen Diktat. Der Nullpunkt 2011 soll vor allem von seiner Vielfalt und ihrem Kontrasten leben.
Ist der Nullpunkt 2011 eine weitere Schickimicki-Veranstaltung mit Weisswein, hors d’oeuvre, abgehobenen Künstschaffenden und elitärem Geschwätz, bei der es sich lediglich lohnt zur Vernissage und Finissage zu kommen?
Ursin: Nein, der Nullpunkt soll etwas Neues sein, keine fade Ausstellung, an der man sich sieht und gesehen wird. Es soll Kunst und Kultur gezeigt, gelebt, erlebt und gefühlt werden.
Marcel: Der Nullpunkt ist ein Event mit einem vielfältigen Rahmenprogramm, das jeweils am Abend durchgeführt wird. So wollen wir Anreize für Leute schaffen, die der Kunst sonst eigentlich fern stehen. Auch diese Leute sollen über ihren eigenen Schatten springen und etwas neues erleben können. Wir wollen ein breites Publikum ansprechen und die Teilnahme allen zugänglich machen.
Moritz: Bild, Wort, Musik, Theater und vieles mehr bieten wir einen vielfältigen Zugang zu Kunst und Kultur. Durch den frei-gemeinnützigen Charakter und die spezielle Zusammensetzung vom Nullpunkt 2011 wollen wir ein neuartiges Erleben von Kunst und Kultur schaffen, welches die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit nachhaltig verändern und sich von der Masse abheben soll.
Wenn Ihr an die kommenden Monate denkt, was geht Euch durch den Kopf?
Alle: Betretenes Schweigen. Es scheint, dass die Köpfe nur schon beim Gedanken daran rauchen.
Moritz: Lachen, weinen, schweigen und schwitzen.
Marcel: Ich habe ein klares Ziel vor Augen.
Ursin: Ich freue mich extrem auf die kommende Zeit, ich weiss aber auch, dass ich bestimmt mit Sicherheit mindesten drei graue Haare bekommen werde.



